BRÜDER DER NACHT

 

LOGLINE

Zarte Burschen bei Tag, Könige bei Nacht: Das sind die jungen bulgarischen Roma, die nach Wien kommen, auf der Suche nach Freiheit und dem schnellen Geld. Sie verkaufen ihre Körper, als wären die alles, was sie haben. Was sie wärmt, fern von zu Hause, ist das Gefühl zusammen zu gehören. Aber die Nächte sind lang und unberechenbar.

 

 SYNOPSIS

" Wien durchgängig als Nacht-Land und Nachtasyl, als die Kehrseite des Tag-Bewusstseins, ganz ohne Walzerseligkeit und Mozartkugeln. Die Protagonisten dieser Dokumentation sind junge bulgarische Roma, die Armut und die Notwendigkeit, für ihre Familien Geld zu verdienen, nach Wien verschlagen haben, wo sie in der Stricherbar „Rüdiger“ im Arbeiterbezirk Margareten ihre Dienste anbieten. Sie warten, rauchen, trinken, spielen Billard, tanzen, prahlen, albern herum wie junge Kälber, reden über ihre kärglichen Ausschweifungen, über ihre Familien und über Prostituierte, tauschen Erfahrungen und Informationen über das „bizness“ aus. Im Clash der Kulturen und Traditionen führen sie ein Leben zwischen den Welten, zwischen Realität und Illusion, transitorisch, trügerisch und flüchtig.
Gus Van Sant trifft James Bidgood trifft Pasolini: Brüder der Nacht ist ein in satt-barockes Halbdunkel getränkter Hybrid, der gezielt verstörend zwischen Dokumentar- und Spielszenen oszilliert. Es ist keine moralisierende, besserwisserische Stricherballade, sondern eine zärtliche, empathische Hymne an die furchtbare Poesie des (Über-)Lebens und an die Solidarität unter Geächteten und Außenseitern." (Egbert Hörmann, Berlinale Panorama) 

DER FILM

Solange man von etwas träumen kann, geht es voran. Denn ein Traum hält einen aufrecht und lässt einen hoffen, dass er eines Tages in Erfüllung gehen wird. Nimm dir nur etwas vor, was du auch erreichen kannst, lautet oft der Ratschlag jener, die selbst schon aufgehört haben zu träumen. Worauf man am Ende dieses Films antworten möchte: Höre niemals auf an das zu glauben, was du dir wünschst.

Die jungen Männer in Patric Chihas Brüder der Nacht träumen von der Zukunft. Doch bis sich ihre Wünsche erfüllen, leben sie in der Gegenwart. In einem kleinen Wiener Café bieten sie ihre Dienste an und verkaufen ihre Körper, denn ein neues Leben kostet Geld. Sie sind bulgarische Roma. Wer mit falschen Erwartungen nach Österreich gekommen ist, wird im Café, wo sich die Burschen jede Nacht versammeln, eines Besseren belehrt. Doch Brüder der Nacht ist, so Chiha, „kein Film über diese Burschen, sondern ein Film mit ihnen.“ Und damit auch kein Film über Armut und Ausbeutung, sondern über Zuversicht und Zärtlichkeit.

Wer die Welt mit allen Sinnen erfassen will, der muss in sie eintauchen. Er muss sich selbst öffnen, um die Türen zu ihr geöffnet zu bekommen. Dieser Zugang setzt allerdings ein Vertrauen voraus, das man als Filmemacher den Menschen entgegenbringen muss – und mit dem man im Laufe der Arbeit belohnt wird. Patric Chiha hat sich dieses Vertrauen erarbeitet, indem er sich der Gruppe dieser Burschen langsam genähert hat und ihnen vorbehaltlos gegenübergetreten ist. In diesem Sinn ist Brüder der Nacht als Einladung zu verstehen, sich auch im Kino den jungen Männern nicht als neutraler Beobachter zu nähern, sondern für knapp eineinhalb Stunden die Tage – und vor allem die Nächte – mit ihnen zu verbringen.

„Ich habe keine Probleme hier in Wien“, meint einmal einer von ihnen, „nur in Bulgarien habe ich Probleme. Mit meiner Frau.“ Das ist ein vielsagender Satz, denn er zeugt weniger von Verleugnung der harten Realität, als von einer beinahe optimistischen Sicht auf die Dinge. Ihre Vergangenheit ist mit den Burschen mit nach Wien gekommen, sie haben ihre Familien zwar in der Heimat zurückgelassen, aber sie sind allgegenwärtig: Fotos von Kindern und Frauen leuchten auf den Displays der Mobiltelefone, Erinnerungen und Erfahrungen werden ausgetauscht, Urteile getroffen, Ängste ausgesprochen und stets neue Pläne geschmiedet.

Brüder der Nacht ist ein Film, in dem die harte Wirklichkeit immer wieder von hoher Künstlichkeit durchbrochen wird – und  sie gerade deshalb spürbar macht. Viele der inszenierten Szenen, die in gemeinsamer Arbeit  entstanden sind, zeigen die Burschen in einer arrangierten Komposition und in sattes Scheinwerferlicht getaucht: Eine Bar erstrahlt in violettem Glanz, rot leuchtende Kerzenlampen werfen ihre Schatten auf die Männerkörper, die vor einem riesigen Gemälde einer nackten Frau an der Theke posieren. Mit solchen Mitteln der Verfremdung schafft Chiha buchstäblich eine Bühne für seine Protagonisten, die von ihnen wie ein geschützter Raum betreten werden kann: Wo man sich keine Blöße zu geben braucht, herrscht die größte Sicherheit.

Intimität hängt nicht davon ab, wie nahe man als Filmemacher seinen Protagonisten kommt, sondern welche Empathie man ihnen entgegenbringt. Deshalb ist Brüder der Nacht auchkein sozialrealistischer Film, der einen beobachtenden oder gar sezierenden Blick auf die Verhältnisse wirft, sondern der sie zu verstehen versucht. Und verstehen kann man am besten, wenn man sich für die Wünsche und Hoffnungen anderer interessiert, auch wenn sie noch so unrealistisch scheinen. Chiha stellt keine Fragen und führt keine Interviews, sondern gibt seinen Protagonisten die Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen. Die Antworten ergeben sich dann, mit jeder Geste und Pose, oft nur mit einem verschüchterten Lächeln oder herausfordendem Blick, wie von selbst.

Jeder dieser jungen Männer hat seine eigene Geschichte. Jeder hat seinen Stolz und seine Würde. Jeder sieht der Welt trotzig entgegen, weil er weiß, dass Wien nicht die Endstation ist, und es auch nicht woanders einfach weitergehen wird. Aber der Tag der Abreise rückt näher. Und so verabschiedet auch Brüder der Nacht am Ende seine Protagonisten an einem Busbahnhof Richtung Heimat – und weiß dennoch genau, dass dies noch nicht das wirkliche Ende sein kann. Das kommt erst mit einem wunderbaren Epilog, in dem schließlich nicht mehr gesprochen werden muss. Nicht weil schon alles gesagt wäre, sondern weil manche Gefühle schlicht keiner Worte bedürfen.

DIRECTOR'S STATEMENT

Als ich eines Abends, in Wien, in einem sehr seltsamen Lokal gestrandet war, wusste ich, dass ich meinen neuen Film gefunden hatte: Die Bar war heruntergekommen und gleichzeitig kitschig schön, wie aus der Zeit gefallen. Auf den Bänken saßen alte einsame Männer. Um den Billardtisch posierten stolze, unberechenbare junge Burschen, die mich sofort an die schönen, aber auch gebrochenen Helden von Pasolini oder Fassbinder erinnerten. Körper wie ihre hatte ich schon lange nicht mehr im Kino gesehen, die spielerische Art mit der sie sich bewegen, tanzen, herumlungern und dauerreden. Diese Menschen wollte ich kennen lernen und filmen.

Die Burschen sind junge bulgarische Roma, die die Armut, ihre Familien und gesellschaftliche Konventionen hinter sich gelassen haben. Nur wirklich frei sind sie in Wien auch nicht. Sie stecken in einem Zwiespalt. Einerseits müssen sie Sex mit Männern haben, deren Körper sie abstoßend finden, andererseits können sie hier, fern von Frau und Kindern, fern von Verantwortung, endlich jung sein.

Ich wollte einen Film nicht über sie, sondern mit ihnen machen. Voller Energie und verspielt. In ihrer Arbeit spielen sie Rollen. Im Alltag spielen sie sich ständig etwas vor. Ihr Leben ist voller Fiktion, voller Geschichten, die sie sich erzählen. Sie sind stolz auf sich. Großzügig. Phantasievoll. Verantwortungslos. Auf der Suche. Deshalb habe ich nach einer Form gesucht, die ihnen Raum gibt. Alles Inszenierte haben wir gemeinsam erfunden. Die Fiktion ist oft wahrer oder reeller, als eine naturalistische Kamera, die nur auf ökonomische oder soziale Wunden starrt. Aber im Film, so wie im Leben der Burschen, verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Spiegel und Fantasie. Brüder der Nacht sollte mehr als alles andere ein Film über Gefühle werden.

Patric Chiha

 

 

 

 

 

 

 

Merken

Merken

Brüder der Nacht Bild 3

Merken